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Wohlfühlatmosphäre im "Orchideengarten"

Neue Tagesbetreuung für Demenzpatienten:Christanger-Heim Vorreiter im Landkreis

Mit der Einrichtung einer „Tagesbetreuung für dementiell erkrankte Bewohner” hat das Christanger Alten- und Pflegeheim des Diakonischen Werks Pfarrkirchen auf diesem Gebiet im Landreis Rottal-Inn die Vorreiterrolle übernommen – dazu Hintergründe, konzeptionelle Überlegungen und die Umsetzung sowie erste Erfahrungen.
„Für ältere demente Menschen bieten wir nun eine spezielle stationäre Betreuung im eigens dafür ausgestatteten Wohnbereich „Orchideen-
garten”, damit sie in der Wohlfühlatmosphäre dieser Wohngruppe ihre Orientierung in gewissem Maße wiederfinden können”, erklärt Diakonie-Geschäftsführer Thorsten Kilwing. Diese Atmosphäre führe dazu, dass Angst und Unruhezustände weitestgehend gemildert werden, sodass auch medikamentöse Therapieformen sich erübrigen.


Das von Pflegedienstleiterin Marianne Jäger und der Geschäftsführung initiierte Projekt basiert auf folgenden grundsätzlichen Erwägungen: Demenzkranke, für die persönliche Beziehungen und feste Anhaltspunkte besonders wichtig sind, brauchen eine darauf ausgerichtete Betreuung in entsprechender Umgebung durch dafür geschultes Personal – auf einer normalen Station wäre das nicht möglich. Und das Christanger-Heim setzt mit dem neuen stationären Angebot, das in der Qualitäts-
vereinbarung festgeschrieben wird, eine Empfehlung des Landespflegeausschusse um.


"Zudem steigt der Bedarf an spezieller Betreuung für Demenzkranke weiter, weil die Menschen immer älter werden", sind sich die Verantwortlichen in Christanger bewusst.


"Aufgrund der ausgeprägten Altersabhängigkeit von Demenzerkrankungen in Zusammenhang mit einer deutlich gestiegenen Lebenserwartung haben wir eine exponentielle Zunahme der Prävalenz von Demenzerkrankungen zu erwarten", heißt es im medizinischen Online-Dienst Thieme-connect in einem Beitrag aus dem Kompetenznetz Demenzen (u.a. Jens Wiltfang – Klinik mit Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg).


Das Konzept für die Tagesbetreuung dementer Bewohner im Christanger-Heim haben die Altenpflegerinnen Susanne Erlmeier und Sonja Lechner im Rahmen ihrer gerontopsychia-
trischen Zusatzausbildung erarbeitet. Hauptansatzpunkt ist das Bestreben, „die Demenzkranken dahin zurückzuführen, woran sie Erinnerungen haben und wie sie gelebt haben”.
Im Konzept ist das Ziel dieser Wohngruppe festgehalten: „...für Demenzkranke Lebensqualität zu schaffen und Freiräume für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten”. Die Bewohner sollen ein Leben führen können, das weitgehend ihrem bisherigen biographischen Alltag und ihren Gewohnheiten entspricht – Rituale unterstützen das soweit es möglich ist.


Die Altenpflegerinnen achten also auf einen „normalen Alltag” ohne Reizüberflutung und fördern die Handlungsfähigkeit der Bewohner ohne sie zu überfordern, sie orientieren sich „am Prinzip der Begleitung und wechselseitigen Beziehungsgestaltung”.


Wesentliche Elemente stellen sowohl Ausstattung und Möblierung des Wohnbereichs „Orchideengarten” dar als auch vor allem verschiedene Beschäftigungsformen des täglichen Lebens (u.a. wie im eigenen Haushalt) und „Erinnerungsarbeit” wie zu Festtagen. Besonders wichtig ist, durch Formen des regelmäßigen Umgangs neuen Halt zu geben und durch die differenzierte Stimulation der Sinne die Wahrnehmungsfähigkeiten zu verbessern. Phasen der Aktivität (z.B. Singen oder Bewegungsspiele mit Musik) wechseln sich mit Zeiten der Stille bzw. der Entspannung ab.


Zur Verfügung stehen 15 behindertengerecht ausgestattete Einzelzimmer, eine Wohnküche, Wohn- und Aufenthaltsraum (Stüberl) sowie ein „Raum der Sinne” („Snoezelen”-Raum). Auf ansprechende Farbgebung und eine natürliche Atmosphäre durch viele Grünpflanzen und Blumen wurde Wert gelegt.


Das Bewegungsbedürfnis der mobilen Bewohner ist durch entsprechende Freiräume berücksichtigt – Zudem besteht freier Zugang zum Garten (mit Hochbeet).


Eine besondere Oase ist der „Snoezelen”-Raum, der zum Teil aus Mitgliedsbeiträgen des Diakon. Werkes finanziert wurde. Der Begriff „Snoezelen” ist aus einer Verknüpfung der niederländischen Verben sniffelen (schnüffeln, riechen) und doezelen (dösen, ruhen) entstanden und klingt wie das englische to snooze (dösen). Snoezelen ist eine Entspannungs- und Erholungsmöglichkeit für desorientierte Menschen, für Behinderte und auch für alle Menschen, die unter Stress leiden. Lichtgestaltung, Klänge, Düfte und Farben wirken dabei mit. Den „Raum der Sinne”, der vor allem für stark unruhige Demenzkranke gedacht ist, können die anderen Bewohner und das Pflegepersonal ebenfalls nutzen.


Zum fachlichen Betreuungs- und Pflegekonzept gehört auch, diesen Wohnbereich durch die Anwendung nichtmedikamentöser Methoden halboffen zu gestalten, „um den Bewohnern damit eine höhere Lebensqualität zu ermöglichen“.


Mit eingebunden in das Projekt der Wohngruppe für Demenzkranke sind Ergotherapeutin Hildegard Goller sowie die Leitungskräfte der Stationen – Gabi Pflugbeil, Jana Schlaffner, Christine Moser und Karsten Frieben.


„Die Erfolge, welche wir in den wenigen Wochen verzeichnen konnten, übersteigen unsere Erwartungen bei weitem“, fasst Pflegedienst-
leiterin Marianne Jäger die bisherigen Erfahrungen mit der Tagesbetreuung für dementielle Bewohner zusammen.


Wer zur Wohngruppe gehöre, warte früh schon auf der Station darauf, dass es soweit sei, in den Betreuungsbereich hinunterzugehen. Auch die Entwicklung des täglichen Lebens in der Gruppe stimme zuversichtlich.


In den Online-Portalen Medizin-Aspekte und der Bundesärztekammer ist von einer „deutlichen Zunahme” die Rede – „Demenzerkrankungen werden aufgrund der demographischen Entwicklung schrittweise zu einem der zentralen Probleme des deutschen Gesundheitssystems”, wird  Prof. Dr. Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abt. für Psychiatrie und Psychotherapie der Uni-Klinik Freiburg beim
29. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer in Berlin zitiert.


Derzeit gebe es in Deutschland mehr als eine Million Demenzpatienten, die einer Pflege in unterschiedlichem Ausmaß bedürften. Eine mäßige Steigerung der Lebenserwartung zugrunde gelegt, sei bis 2040 mit einer Erhöhung um etwa 120 Prozent bzw. mit einer Gesamtzahl von 2,2 Millionen Demenzfällen zu rechnen – sollte es einen Durchbruch in der Behandlung von Krebs oder der Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, könnten es bis zu drei Millionen werden, prognostizierte Prof. Dr. Dr. Fritz A. Henn (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim).
Wilhelm Kolb.


 


Sind mit den ersten Erfolgen der Tagesbetreuung für demente Bewohner mehr als zufrieden (von rechts): Geschäftsführer Thorsten Kilwing, Pflegedienstleiterin Marianne Jäger, die Stationsleitungen Jana Schlaffner, Karsten Frieben und Gaby Pflugbeil, Altenpflegerin Susanne Erlmeier und Stationsleiterin Christine Moser. Foto: Kolb


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